Gerade scheint es überall um Autismus, Neurodivergenz, Hochsensibilität oder ADHS zu gehen. Manche empfinden das als Modewelle. Ich sehe das anders.

Es ist eher ein Sichtbarwerden, eine veränderte Wahrnehmung, eine Öffnung.

Früher hatten Frauen kaum Rechte, Kinder sowieso nicht – und alle sollten vor allem funktionieren. Diese Prägungen wirken bis heute in uns nach.

Und immer mehr Menschen beginnen zu spüren: So stimmt es nicht.

Nicht mit sich selbst. Nicht mit dem, was Kinder brauchen.

Gerade bei Kindern ist das ein sensibles Thema. Ist Neurodivergenz eine Ausrede für „schlechtes Benehmen“? Nein.

Aber: Wenn sich die Umgebung verändert – wenn mehr Verständnis, mehr Ruhe und mehr Co-Regulation möglich sind – dann verändern sich oft auch die sogenannten „Störsymptome“. Sie werden milder, verschwinden manchmal ganz oder zeigen sich gar nicht erst so stark.

Und trotzdem sieht die Welt oft nur den Menschen, der „nicht passt“:

zu still, zu laut, zu unbequem, zu unruhig, zu direkt.

Und dann beginnen sie – die unausgesprochenen Vermutungen:

Die Eltern haben zu wenig erzogen. Oder zu viel. Oder zu streng. Oder falsch.

Das Kind ist schwierig, anstrengend, „problematisch“.

Kinder – und auch Erwachsene – brauchen keine Bewertung.

Sie brauchen Unterstützung.

Sie brauchen ein Gegenüber, das ruhig bleibt, nicht droht, nicht beschämt, nicht vorschnell urteilt.

Sie brauchen Hilfe dabei, ihr Nervensystem zu regulieren.

Und gleichzeitig braucht es hier einen wichtigen Perspektivwechsel:

Nicht nur neurodivergente Menschen haben eine „Bringschuld“, sich anzupassen oder zu regulieren. Auch das Umfeld trägt Verantwortung.

Wie wir sprechen. Wie wir reagieren. Wie wir interpretieren. Und wie viel Raum wir überhaupt lassen.

Gerade hochsensible und neurodivergente Menschen nehmen sehr viel mehr wahr – auch das, was nie ausgesprochen wird. Und genau deshalb macht es einen Unterschied, ob ihr Gegenüber Druck erzeugt oder Sicherheit vermittelt.

Neurodivergenz zeigt sich nicht nur auf eine Art:

Es gibt die, die perfekt angepasst wirken, funktionieren, still sind, leisten – und innerlich kämpfen: mit Erschöpfung, Depressionen oder Essstörungen, mit dem ständigen Druck, „richtig“ zu sein.

Und es gibt die anderen:

Die, bei denen man sofort sieht, wenn es ihnen nicht gut geht oder sie überreizt sind.

Die laut sind, widersprechen, anecken.

Die als Klassenclowns gelten oder als „schwierig“.

Die fehlen – nicht, weil sie „keine Lust“ haben, sondern weil ihr System überlastet ist.

Neurodivergente Menschen brauchen oft mehr Rückzug, mehr Zeit, um sich zu sortieren, mehr Raum, um sich zu regulieren.

Ja, Verhalten muss manchmal begleitet und auch verändert werden.

Aber was so selten gesehen wird: wie viel Kraft das kostet.

Und ebenso selten wird gesehen, wie viel Einfluss das Umfeld hat – ob es eskaliert oder sich beruhigt. Ob ein Kind sich sicher fühlt oder dauernd korrigiert wird.

Wenn es dann wieder nicht klappt, wenn das Kind wieder fehlt, dann ist das Urteil schnell da: Die Eltern haben versagt.

Aber niemand würde zu einem Menschen mit gebrochenem Bein sagen: „Reiß dich zusammen.“

Und niemand würde bei Diabetes behaupten, mit „besserer Erziehung“ ließe sich das regeln.

Und dann kommt der nächste gut gemeinte Satz:

„Lasst euer Kind doch einfach diagnostizieren.“

Einfach?

Mit Wartezeiten von Monaten?

Mit einem System, in dem selbst akut gefährdete Jugendliche oft monatelang auf Hilfe warten?

Mit „Therapien“, die oft aus wenigen kurzen Terminen bestehen, verteilt über Monate?

Und mit Diagnostiken, bei denen gerade Kinder mit ADHS oft so gut maskieren, dass sie übersehen oder falsch eingeschätzt werden?

Und das bedeutet nicht, dass es nicht viele gute Therapien gibt. Aber eben zu wenig Plätze. Und eben leider auch viele Situationen, in denen Kinder nicht wirklich gesehen werden.

Ja, das ist ein emotionaler Text. Und ich schreibe das auch persönlich.

Ich bin selbst neurodivergent – hochsensibel. Ich war still, angepasst, schüchtern, hatte – besonders in den letzten Schuljahren – viele Fehlzeiten und war oft krank.

Es wurde besser, je mehr ich begann, ich selbst zu sein und mir mehr Raum für Regulation und mein eigenes Tempo erlaubte.

Und jeder geht anders damit um. Jeder hat eigene Wege gefunden, im Alltag zu bestehen, sich zu regulieren – und ja, auch zu funktionieren.

Aber was uns verbindet, ist der enorme Kraftaufwand – und die ständige Bewertung von außen.

Deshalb ist das hier auch ein Appell:

Bevor ihr urteilt – informiert euch.

Bevor ihr bewertet – schaut genauer hin.

Bevor ihr denkt, ihr wisst, wie es ist – hört zu.

Und: Verantwortung liegt nicht nur bei den Betroffenen. Sie liegt auch im Umgang der anderen.

In Geduld. In Sprache. In der Art, wie wir einander begegnen.

Denn nur weil ein Kind „funktioniert“, heißt das nicht, dass es ihm gut geht.

Und es bedeutet auch nicht, dass andere Kinder einfach „schlecht erzogen“ sind.

Manchmal ist die Realität einfach komplexer.

Neurodivergenz – eine Modeerscheinung?
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